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Barrierefreie Schwimmbäder in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme

jala / photocase.de

„Woran genau erkenne ich ein barrierefreies Schwimmbad?“ Diese Frage habe ich mir schon lange gestellt und deshalb Peter Müller, den Schwerbehindertenvertreter der Berliner Bäder-Betriebe interviewt. Herr Müller ist selbst Rollstuhlfahrer und bringt dem entsprechend auch seine Erfahrungswelt in seine Arbeit ein. Seit 20 Jahren ist er mit dafür verantwortlich, neu gebaute oder sanierte Bäder in Berlin auf ihre Barrierefreiheit zu prüfen.

Laut Definition bedeutet der Begriff Barrierefreiheit, das die bauliche Umwelt sowie Informations- und Kommunikationsangebote von Menschen mit Beeinträchtigungen ohne zusätzliche Einschränkungen genutzt werden können. Diese Definition schließt per se erst einmal alle Beeinträchtigungen ein – von Gehbehinderungen, über eine verminderte Hör- oder Sehfähigkeit bis zu Kleinwüchsigkeit und vielen anderen Einschränkungen.

„Doch wie werden die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen im Schwimmbad bedient?“

 

Herr Müller, was bedeutet Barrierefreiheit im Schwimmbad?

Erst einmal müssen Bäder, die heute saniert oder neu gebaut werden generell barrierefrei sein und den gesetzlichen Normen entsprechen.

Für sehbehinderte und blinde Menschen wird dann darauf geachtet, dass taktile Leitstreifen im Bad angebracht sind bzw. taktile Lagepläne zur Verfügung stehen. Aber bei einer sehbeeinträchtigten Person gehe ich eher davon aus, dass sie – zumindest bis sie sich im Bad sicher fühlt – mit einer Begleitperson kommt und so zusätzliche Orientierung erhält. Falls jemand seinen Blindenhund mitbringt, wäre dies aber auch kein Problem, sofern er nicht mit in den Nassbereich genommen wird. Die Kollegen vom Badpersonal sind sensibilisiert, dass so ein trainierter Hund entsprechend versorgt wird, bis der Halter aus dem Nassbereich zurückkehrt.

Für gehörlose Personen gibt es in der Regel keine besonderen, baulichen Maßnahmen.

Das Hauptaugenmerk liegt also auf den Gehbeeinträchtigten und Rollstuhlfahrern. Für diese Personen haben wir wasserabweisende Rollstühle vor Ort, damit sie sich im Nassbereich frei bewegen können. Dazu gehört natürlich auch, dass separate Duschmöglichkeiten angeboten werden, die mehr Platz bieten, um mit dem Rollstuhl zu navigieren.
In einem Bad haben wir sogar eine breite Liege im Umkleideraum eingebaut. So kann man vom Rollstuhl allein auf die Liege wechseln, um sich aus- und anzuziehen. Das geht – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – viel einfacher, wenn man eine gute Möglichkeit zum Abstützen hat.
Nicht zu vergessen die Basics: Ebenerdige Zufahrten von der Duschzone zum Schwimmbecken, breite Türen, stufenlose Übergänge und ein Wasserlift, um ins Becken und wieder raus zu kommen.

Nehmen wir mal an, jemand hat keine Begleitperson, die er/sie um Unterstützung bitten kann. Wie wird dann ein Schwimmbadbesuch möglich?

Grundsätzlich hilft das Schwimmbadpersonal natürlich gern. Aber machen wir uns nichts vor: Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, denn die Hilfe kann nur soweit gehen, wie das Personal dies verantworten kann. Ich kann deshalb nur raten, dass Interessierte bereits vor ihrem ersten Besuch einmal im Bad vorbeifahren und sich vor Ort mit dem Personal unterhalten, wie eine Hilfe aussehen kann.

Inwieweit sind all diese baulichen Anforderungen denn in historischen Bädern umsetzbar?

Tja – da ist es oft nicht so einfach, die bestmöglichste, barrierefreie Option anzubieten, da auch Denkmalschutzaspekte mitberücksichtigt werden müssen. Da muss man dann akzeptieren, was baulich möglich war.

Was glauben Sie, wie man den Bauprozess im Sinne der Barrierefreiheit noch verbessern könnte?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man als Bauherr gut beraten ist, die Bezirks-Behindertenvertreter von Anfang an in das Projekt einzubinden. Die werden oftmals übergangen oder gar nicht wahrgenommen. Dabei sind sie diejenigen, die die Örtlichkeiten am besten kennen. Außerdem haben sie einen breiteren Blick auf die unterschiedlichen Beeinträchtigungen.
Diese Vorgehensweise ist nicht nur effizienter, sondern am Ende des Tages oft auch kostengünstiger, weil Baufehler von Anfang an ausgemerzt werden.

Gibt es Länder, die das Thema Barrierefreiheit im Schwimmbad so durchziehen, dass wir Deutschen uns davon noch ein Scheibchen abschneiden könnten?

Sicherlich die USA. Dort ist es einfach völlig selbstverständlich, dass Bäder allen Menschen frei zugänglich sind. Auch Polen und Tschechien gehen scheinbar wirklich mit guten Beispiel voran, habe ich gehört.

Herzlichen Dank, Herr Müller, für Ihre Zeit und das nette Gespräch!

Wenn du dich nun genau erkundigen möchtest, wo du schwimmen gehen kannst, steht dir auf dem Portal der European Waterpark Association ein Tool zur Verfügung, mit dem du barrierefreie Freizeitbäder und Thermen in Europa selektieren kannst.

 

Autor: Tina Stavemann
Bildnachweis: jala / photocase.de

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